Fußball aus einer ganz anderen Sicht

Stuttgart – Die Fußball-Europameisterschaft wirft ihre Schatten voraus. Und ihre Interviews. Im folgenden Exklusivgespräch bricht der Einzige, der immer auf Ballhöhe ist, endlich sein langes Schweigen und spricht schonungslos über früher und heute, Technik und Trends, Träume und Tritte, Triumphe und Tragödien – und die nahende EM. Erst einmal Glückwunsch. Alle sind sich nach dem EM-Härtetest Deutschland gegen Weißrussland einig: Der beste Mann war der Ball.

Ball: Danke. Ich staune selbst, wo ich doch mitten aus dem harten EM-Aufbautraining komme. Aber es ist schon brutal, wenn du nach einer Stunde plötzlich merkst: Die Blase schwächelt, das Ventil pfeift.

Pünktlich zum EM-Eröffnungsspiel sind Sie dafür in Hochform?

Ball: Doc Müller-Wohlfahrt schwört, dass er mich vollends hinkriegt. Vor ein paar Tagen musste er mich noch mit zwölf Stichen nähen – ein Souvenir aus dem Champions-League-Finale. Der Terry von Chelsea hat mich bei seinem Elfmeterfehltritt mit einem hässlichen Stollenabdruck derart entstellt, dass ich mich tagelang nicht mehr unter die Leute getraut habe.

Was werfen Sie ihm vor?

Ball: Nichts. Wenn du so einem nicht rechtzeitig vom Fuß springst, bist du als Ball selber schuld.

Aber Sie sind froh, dass die Engländer bei der EM fehlen?

Ball: Mir reichen die Griechen. Mein älterer Bruder war EM-Ball 04 und leidet noch immer unter den Spätfolgen ihres Kampfgeists. Dieser Ausputzer, ihr Koloss von Rhodos, wie hieß er noch gleich, hat ihn mehrmals brutal auf die Tribüne gedroschen, mit Spitzkick. Ganz Griechenland hat gejubelt, aber was du als Ball durchmachst, juckt keinen.

Reden wir von den schöneren EM-Aspekten: Auf wen freuen Sie sich?

Ball: Ganz spontan: Cristiano Ronaldo. Der biegt sein rechtes Bein geschwind um das linke und flankt dich mit dem Absatz vors Tor. Auch bei Ballack bist du als Kugel noch König. Seine Steilpässe sind Rundflüge, atemberaubend, du schwebst auf Wolke sieben. Aber das Größte ist Ribéry.

Erzählen Sie …

Ball: Merci, mon ami, sag ich zu dem immer. Der macht dich ballaballa. Der tanzt mit dir und verdreht dir mit seinen Dribblings den Kopf, dass du ihn mit Zidane verwechselst und sogar als Ball ein Autogramm von ihm holst. Leider gibt es von der Sorte nicht mehr viele.

Früher war alles besser?

Ball: Sie müssten mal meinen Vater hören, wenn der vom Außenrist Beckenbauers schwärmt. 1972, dieses Rambazamba mit Netzer, das war EM-Traumfußball, Streichelfußball, man musste noch keine Angst haben, als Pflegeball im Rollstuhl zu landen. Auch mein Opa, der WM-Ball von 54, erzählt die tollsten Geschichten.

Der alte Lederstrumpf lebt noch?

Ball: Opa ist zäh. Noch aus echtem Rindsleder, handgenäht. Ich besuche ihn alle paar Wochen im Fifa-Altersheim, und wir blättern im Album mit den Bildern von Bern. Früher ist oft noch Fritz Walter gekommen und hat ihn liebevoll eingefettet – das fehlt jetzt. Opa wird deshalb verbittert. Bei seinen Bridge-Abenden nörgelt er an allem herum, vor allem an uns Plastikbällen von heute.

Was stört ihn?

Ball: Für den bist du ein Flatterball, ein verweichlichtes Kunstgeschöpf – ein verwöhnter Schickimicki, der sich aufführt wie eine aufgeblasene Mozartkugel.

Weiß er denn nicht, dass sein Enkel aus dem Stoff ist, wie ihn sonst nur die Astronauten auf dem Mond benutzen?

Ball: Opa weiß nichts mehr. Der ist gagga. Das Wunder von Bern, der Wirbel danach – das war ihm zu viel. Auch mein Onkel, der WM-Ball von Wembley 66, ist tragisch vor die Hunde gegangen. Beim dritten Tor wusste er, dass er nicht drin war – und hat es nie verkraftet. Endstation Klapsmühle. Dort hat er sich die Luft rausgelassen.

Was kann man tun?

Ball: Sie sollen mir endlich diesen Wunderchip einpflanzen, dann brülle ich nach dem Überschreiten der Torlinie sofort: ,Ich bin drin!‘ Dann muss sich keiner mehr schämen.

So weit geht das schlechte Gewissen?

Ball: So weit, dass sich mein Bruder anno 2004 schier die Kugel gegeben hätte. Der Elfmeter von Beckham im EM-Halbfinale, erinnern Sie sich? Mein Bruder war jung, hat sich vor Aufregung in die Hose gemacht, ist weggerollt – und prompt haut Beckham daneben und rutscht aus. Du bist als Ball danach so klein, dass dich Tiger Woods einputten könnte – und brauchst einen Psychologen, der dich wieder aufpumpt.

Warum so sensibel?

Ball: Ein Ball ist auch nur ein Mensch. Manchmal möchte ich Medizinball sein, oder Golfball. Die stecken das knallhart weg, den Stress, die Strapazen, das ganze Drumherum.

Man kommt auf dem Zahnfleisch daher?

Ball: Speziell als EM-Ball hast du keine ruhige Minute zu erwarten. Nach dem Schlusspfiff fliegen sie dich im Hubschrauber ins ZDF-Sportstudio, weil dich dort mal schnell die stolpernde Kanzlerin oder der Dalai Lama auf die Torwand schießen wollen, oder zur Bregenzer EM-Seebühne, wo Jürgen Klopp und Urs Meier mich dann in die Hand nehmen und zu Johannes B. Kerner sagen: ,Das ist der Ball.‘

Und Kerner steht dann staunend da?

Ball: Ich will Ihnen damit nur sagen, wie man als Ball missbraucht wird. Jedes Selbstwertgefühl geht flöten, man ist jedermanns Depp und irgendwann total Banane – lange dauert es nicht mehr, und auch der erste Ball taucht im RTL-Dschungelcamp auf und lässt sich mit Kakerlaken in eine Kiste einsperren.

Das Schlimmste ist aber der Stress im Spiel?

Ball: Der nackte Schmerz ist das. Sie brüllen ,Scheißball!‘ und verpassen mir Kopfstöße und Pressschläge, dass ich mich fühle wie früher Opa – als armselige Schweinsblase, umhüllt von 32 zusammengeschnürten Lederecken. Wenn dir der Materazzi mit den Stollen voraus durch die Kuhhaut grätscht, helfen keine kalten Umschläge mehr, da ist der Lack ab.

Apropos: warum eigentlich dieses glitzernde, silberne Design?

Ball: Für die Augenkranken. Angeblich ist es zuschauerfreundlich. Wir sind der Spielball des Fernsehens, versilbert, verziert – hollywoodreif.

Der Star ist nun mal der Ball …

Ball (fährt sich kokett über die Glatze): Richtig, was wären die ohne uns. Mit Wollknäueln müssten sie kicken. Nein, streichen Sie das bitte wieder …

Warum denn?

Ball: Ball flach halten, sagt Papa immer, mach nicht den Fehler wie der Matchball von Boris Becker nach Wimbledon 85. Der war plötzlich der Kultball unter den Kugeln, den Puderzucker haben sie ihm hineingeblasen, den dicken Max hat er rausgehängt, doch heute lebt der aufgeblasene Angeber als kleine, jämmerliche Mottenkugel in einem Obdachlosenasyl und muss froh sein, wenn ihn keiner über die Anhängerkupplung stülpt.

Letzte Frage: Wer wird der EM-Star?

Ball: Luca Toni. Ich kenne ihn ja aus der Bundesliga, wir verstehen uns blind. Wo ich hinkomme, ist Luca immer schon da, und prompt lande ich weich im Netz. Aber Europameister werden die Deutschen.

Warum?

Ball: Na hör mal, ich bin gebürtiger Herzogenauracher. Wenn der Toni im Endspiel gegen uns frei vor dem Tor steht, springe ich ihm vom Fuß.

Dafür schon jetzt danke – und auch für dieses Gespräch.